(K)eine Evaluation des DigitalPakt Alter - Das Bild vom Hammer und den Nägeln
Ein Bericht ist da
Seit der Bilanzveranstaltung im Dezember wird auf den Web-Seiten des DigitalPakt Alter der Evaluationsbericht für die Laufzeit 2023 – 2025 angekündigt. Als jemand der die ersten 150 Erfahrungsorte (2021 – 2022) evaluiert und einen Bericht dazu verfasst hat, bin ich seitdem sehr gespannt auf diese Evaluation und ihre Ergebnisse. In der letzten Woche wurde nun ein Bericht veröffentlicht, von dem nicht ganz klar ist, ob er sich auf einen Teilaspekt bezieht oder ob es sich um die angekündigte Evaluation der Projektlaufzeit 2023 – 25 handelt. Die Ankündigung steht immer noch auf der zitierten Web-Seite. Der Bericht mit dem Titel "Digitales Wissen vermitteln, Teilhabe stärken: Eine Studie zu Haupt- und Ehrenamtlichen im Bereich der digitalen Wissensvermittlung im DigitalPakt Alter" wird mal als dritter Teilbericht einer Studie über die Ehrenamtlichen im DigitalPakt Alter bezeichnet, an anderer Stelle als Bericht zur Evaluation der Erfahrungsorte Da heißt es:„Dieser Evaluationsbericht von Linda Göbl und Prof. Dr. Mario R. Jokisch, Bayerisches Zentrum Pflege Digital, Hochschule Kempten macht das Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen in den Erfahrungsorten sichtbar und beleuchtet die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit.". Das kann ja eigentlich nur ein Teilaspekt einer Evaluation der Förderphase 2023 bis 2025 sein. Betrachten wir also diesen Teilaspekt und vergleichen ihn mit den entsprechenden Befunden aus der Evaluation der ersten beiden Jahre, auch wenn die Autorin und der Autor diese erste Studie konsequent ignoriert haben, was in der Wissenschaft eher unüblich ist.
Ein sehr selektiver Blick
Der Bericht mit 31 Seiten (inklusive Anhang) eher kurze Bericht verfolgt „das Ziel, das Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen in den Erfahrungsorten sichtbar zu machen und die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit näher zu beleuchten.“ Das ist ohne Zweifel wichtig, weil die Ehrenamtlichen in der Konzeption des DigitalPakt Alter von Anfang bis Ende die zentrale Rolle spielen und soweit erkennbar auch in der nächsten Förderrunde weiter spielen sollen. Der Bericht basiert auf zwei Online-Umfragen in 2024 und 2025 mit 319 bzw. 182 Personen aus 300 Erfahrungsorten.
Nach den einleitenden Kapiteln zur Zielsetzung, der Methode der Befragung und der Stichprobe geht es im vierten Kapitel um die Rolle, die der DigitalPakt Alter für die Erfahrungsorte spielt, als Lieferant von Materialien und als Plattform für eine Vernetzung der Erfahrungsorte untereinander. Dazu werden Umfrageergebnisse zu den Motiven für die Bewerbung und zur Inanspruchnahme der verschiedenen Leistungen geliefert. In Kapitel fünf „Erfahrungsorte als Lern-und Begegnungsorte - Einblicke in die Praxis“ werden die Bedingungen geschildert, unter denen die Erfahrungsorte tätig sind, und von wem sie welche Unterstützung erhalten. Ihr Rückgrat bilden im Durchschnitt 27 Ehrenamtliche pro Erfahrungsort. Unterstützung durch die Kommune erhalten 69% bei den Räumen, aber nur 18% bezüglich Fahrkostenerstattung oder Ehrenamtspauschale. Dass die Erfahrungsorte „nicht nur organisatorische Einheiten, sondern soziale Knotenpunkte sind, an denen ältere Menschen, Haupt-und Ehrenamtliche, Kommunen und externe Partner zusammenwirken, um digitale Teilhabe zu ermöglichen“, kann ich aus den Daten nicht ableiten, zumal an keiner Stelle definiert wird, worin „digitale Teilhabe" genau besteht.
Im sechsten Kapitel geht es dann um die Ehrenamtlichen und ihre Engagement-Profile. Im Durchschnitt sind sie seit sechs Jahren tätig, machen Angebote in unterschiedlichen Formaten, im Durchschnitt vier Einsätze im Monat im Umfang von insgesamt 14 Stunden. Es folgen Daten zu den empfundenen Herausforderungen und Belastungen, den digitalen Kompetenzen und der Selbstwirksamkeit der Befragten. Hier ist es sehr bedauerlich, dass dabei nicht zwischen den Ehrenamtlichen und den auch befragten Hauptamtlichen in den Erfahrungsorten unterschieden wird. In der ersten Evaluation wurde zwischen Helfenden und Leitungskräften unterschieden und in vielen Punkten gab es aufgrund der unterschiedlichen Positionen durchaus Unterschiede in den Einschätzungen.
In Kapitel sieben „Ehrenamt im Wandel: Potenziale, Grenzen und Zukunftsperspektive" folgen Daten zur Motivation für ein ehrenamtliches Engagement, ehrenamtliche Historie vor dem DigitalPakt Alter, die zeitliche Aufteilung zwischen direkter Technikvermittlung und anderen Tätigkeiten in den Erfahrungsorten, den Rückhalt in einem Netz "kollektiver Selbstwirksamkeit" sowie Zufriedenheit und Stresserleben und schließlich zur Intention der Fortführung des Ehrenamts.
Im achten Kapitel „Weiterführende Themen und Impulse" folgen schließlich Daten zur Selbsteinschätzung der digitalen Kompetenzen und Selbstwirksamkeit der Befragten und zu deren Lebenszufriedenheit.
Was nicht gefragt wurde
Das sind alles Daten, die man erheben kann, die aber größtenteils für eine Evaluation der Erfahrungsorte wenig zielführend sind. Denn sie beziehen sich auf den Input, bei einer Evaluation geht es aber um die Wirkung. Da soll vor allem geprüft werden, ob bestimmte verfolgte Ziele erreicht worden sind. Wenn als Zwischenfazit behauptet wird:
“Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Erfahrungsorte auf ein starkes und vielfältiges Engagement ihrer Haupt- und Ehrenamtlichen bauen können, das maßgeblich zur digitalen Teilhabe älterer Menschen beiträgt.“(S.16), dann stimmt das einfach nicht. Das zeigen die Ergebnisse eben nicht, weil es keine einzige Frage zu den Wirkungen des Einsatzes der Ehrenamtlichen gibt. Dazu hätten andere Fragen gestellt werden müssen.
Sind die Angebote bedarfsgerecht?
In der im vorletzten Beitrag behandelten aktuellen BITKOM-Umfrage zum Unterstützungsbedarf stand ein Hilfetelefon mit 78% an erster Stelle. Dieser Angebotstyp kommt in der vorliegenden Umfrage gar nicht vor.
Wie steht es mit dem Lernerfolg?
Leider fehlt auch jeder Versuch, den mit diesen Angeboten erzielten Lernerfolg zu ermitteln. In der ersten Evaluation wurden dazu auch die Teilnehmenden an diesen Angeboten befragt. Das ist aufwendig und auch nicht repräsentativ. Aber was relativ einfach möglich gewesen wäre, ist die Einschätzung der Helfenden bzw. Ehrenamtlichen zu den Lernerfolgen zu erfragen. In der ersten Evaluation wurden diese nach ihren konkreten Lernzielen gefragt und um eine Schätzung gebeten, welcher Anteil der Teilnehmenden diese Ziele erreicht hat. Danach sagen 30%, dass weniger als die Hälfte der Teilnehmenden gelernt hat, seriöse von unseriösen Nachrichten zu unterscheiden und 36% haben gesagt, dass weniger als die Hälfte verdächtige Mails oder PopUps erkennen kann. Solche Antworten werfen Fragen auf, denen sich weder das Autorenteam noch der Auftraggeber stellen wollte.
Über welche pädagogische und didaktische Qualifikation verfügen die Ehrenamtlichen und wie wurden sie geschult und fortgebildet?
Die Fragen zur Selbstwirksamkeit beziehen sich darauf, technische Schwierigkeiten selbst lösen zu können, im Netz Lösungen zu finden oder im Team in dem Erfahrungsort. Aber die Unterstützung von älteren Menschen beim Erwerb von digitalen Basiskompetenzen erfordert mehr als technisches Know How. Es ist immer auch eine manchmal sehr anspruchsvolle pädagogische Herausforderung, die neben didaktischen Anforderungen viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Empathie erfordert. Diese Aspekte spielen in der Schulung zum Beispiel der Technikbotschafter in Rheinland-Pfalz eine zentrale Rolle. Dabei kommt es auch darauf an, welchen beruflichen Hintergrund die Ehrenamtlichen haben. In der ersten Evaluation gab es nicht nur Helfende mit einem technischen Hintergrund, sondern auch solche mit einem Erfahrungen in der Erwachsenenbildung oder der Sozialarbeit. Auf die Frage, wie sie ihr Wissen erworben haben, haben damals 38 % angegeben "Kurze Einführung in den angemessenen Umgang mit älteren Menschen“ und 21% „Systematische Schulung bei einer anderen Einrichtung“.
Ich hätte gerne gewusst, ob sich das geändert hat und es inzwischen eine bessere Vorbereitung und auch Fortbildung der Ehrenamtlichen gibt, denn die Anforderungen, was heute für eine digitale Teilhabe über WhatsApp und Googeln hinaus erforderlich ist, sind in den vergangenen vier Jahren enorm gestiegen. Ich weiss, dass die Frage nach Schulung und Fortbildung bei Ehrenamtlichen sehr heikel ist, weil viele ihre Zeit vor allem für die unmittelbare Unterstützung verwenden möchten und nicht für Schulung und Fortbildung. Auch hier wird in dem Bericht ein heikler aber zentraler Punkt bewusst ausgeblendet. Denn bei der Frage nach der zeitlichen Verteilung zwischen Technikvermittlung und anderen Tätigkeiten, wird nach „Vorstandsarbeit, Veranstaltungsplanung, Öffentlichkeitsarbeit, Planung und Organisatorischem sowie dem Seniorenbeirat“ gefragt, aber nicht nach Fortbildung. Das ist umso erstaunlicher als der DigitalPakt Alter mit seinen Materialien und der Austauschplattform angeblich gerade dies geleistet hat. Laut Abb.1 haben 73% Schulungsangebote in Anspruch genommen und ebenso viele sich Rat und Unterstützung geholt haben, aber in der Verteilung der Arbeitszeit spiegelt sich das nicht wider.
Irreführendes zur Ehrenamtspauschale
Bei der Unterstützung durch die Kommune in Abb.2 wurde angegeben „Nur 18 % bekamen Hilfe bei Fahrtkosten und Ehrenamtspauschale.“ Und im Abschnitt Ehrenamtspauschale auf S. 19 heißt es:
„Neben dem Stresserleben wurde in der Wiederholungsbefragung zusätzlich thematisiert, inwieweit die Ehrenamtlichen die ihnen zustehende Ehrenamtspauschale kennen und erhalten. Nur etwas mehr als die Hälfte (52 %) kannte ihre finanziellen Ansprüche, die ihnen als Ehrenamtlicher zustehen, und 17 % erhielten diese auch.“
Das klingt so, als hätten die Ehrenamtlichen einen Anspruch auf eine Aufwandsentschädigung gegenüber den jeweiligen Kommunen, ganz gleich wer Träger des Erfahrungsortes ist. Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Die Ehrenamtspauschale ist kein finanzieller Anspruch, sondern sein steuerlicher Freibetrag. Das heißt: Wenn es für die Tätigkeit eine Vergütung gibt, ist diese bis zu 960,00 Euro im Jahr steuerfrei. Einen Anspruch auf eine Übungsleiterpauschale oder andere Vergütung gegenüber dem Träger eines Erfahrungsortes, neben einer Kommune oft ein Wohlfahrtsverband oder ein Verein, gibt es nicht. Und selbst wenn eine Aufwandsentschädigung gezahlt wird, müssen noch mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit sie steuerfrei bleibt.
Die Handlungsempfehlungen
Basierend auf den Befunden der Befragung werden vier Handlungsempfehlungen formuliert. In der ersten Evaluation hatte ich die Schlussfolgerungen und Empfehlungen im Lichte der Einschätzungen und Empfehlungen der Kommission für den Achten Altersbericht "Ältere Menschen und Digitalisierung" entwickelt. Ich finde es sehr befremdlich und unwissenschaftlich, dass der Kommissionsbericht nicht einmal im Literaturverzeichnis erscheint und bei der Bewertung der Daten und den Empfehlungen vollkommen ignoriert wird. Dies gilt um so mehr, als der DigitalPakt Alter von demselben Ministerium gefördert wird, das innerhalb der Bundesregierung auch diesen Kommissionsbericht begleitet hat und letztlich auch der Adressat dieses Evaluationsberichts ist. Denn die BAGSO als Auftraggeber der Evaluation kann als Zuwendungsempfänger nur das umsetzen, was das BMFSFJ in Zukunft fördert. Ich kommentiere im Folgenden die vier Handlungsempfehlungen im Lichte des Kommissionsberichts:
Stärkung der Kommunen
“Die Kommunen als zentrale Handlungsakteure müssen gestärkt und befähigt werden, um lokale Initiativen („Erfahrungsorte“) bedarfsgerecht zu unterstützen und digitale Teilhabe vor Ort umzusetzen."
Genau das fordert auch die Kommission:„Der Aufbau und die Verstetigung von Angeboten zur Entwicklung digitaler Kompetenzen bei älteren Menschen sollte als ein Teil der kommunalen Daseinsvorsorge betrachtet werden. Dazu benötigen die Kommunen jedoch landes- und bundespolitische Unterstützung in Form von finanzieller Absicherung, verbindlichen Leitlinien und rechtlichen Anpassungen.“ (S. 36 ) Dabei ist nach Auffassung der Kommission für eine digitale Teilhabe im Alter als Teil der Daseinsvorsorge s allerdings ehr viel mehr erforderlich als nur die Unterstützung von Erfahrungsorten. Leider hat die Bundesregierung bisher nicht auf diese Aufforderung reagiert. Nach einem von der BAGSO in Auftrag gegebenen Gutachten, besteht für die Kommunen auch keine Verpflichtung im Rahmen der gesetzlichen Altenhilfe.
Nachhaltiger und flächendeckender Ausbau von Erfahrungsorten
"Die Sicherung der Nachhaltigkeit der Erfahrungsorte sollte durch Kooperationen, konkret dem Aufbau eines sich unterstützenden Netzwerks aller relevanten Akteure in den Kommunen, und langfristigen Strukturen, die auch ohne externe Finanzierung und Begleitung fortbestehen können, angestrebt werden. Der flächendeckende Ausbau von Erfahrungsorten auch für schwierig zu erreichende Zielgruppen muss vorangetrieben werden, niedrigschwellig und auf Augenhöhe."
Eine Sicherung der Nachhaltigkeit der Erfahrungsorte wird, wie in der ersten Forderung zu Recht betont, nicht ohne externe Finanzierung möglich sein. Die Kommission hält jedoch insbesondere für schwierig zu erreichende Zielgruppen und wichtige Altersthemen wie Wohnen, Gesundheit, Pflege und Mobilität Unterstützungsangebote anderer Einrichtungen und Träger für erforderlich. Sie sieht in den Erfahrungsorten eine wichtige Einrichtung, um Berührungsängste abzubauen und niedrigschwellige Einstiegsangebote zu machen. So war auch das Ziel für die erste Evaluation. Aber ältere Menschen heute zu befähigen, digitale Angebote in den genannten Bereichen zu verstehen und kompetent zu nutzen, kann nicht über die gleichen Erfahrungssorte erfolgen. In der Empfehlung ist zwar von einem „Netzwerk aller relevanten Akteure in den Kommunen" die Rede. Für eine Handlungsempfehlung wäre es hilfreich genauer zu sagen, welche relevanten Akteure das sein sollen. Dabei werden die Erfahrungsorte hier als Zentrum eines solchen Netzwerks gesehen. Die Kommission für den Achten Altersbericht fordert hingegen eine Diversifizierung der Angebote, zu der unter anderem auch die Einrichtungen der Wohn- und Pflegeberatung gehören, die nun auch die digitalen Angebote in ihre Beratung einbeziehen sollen.
Reduzierung der Arbeitsbelastung
"Es bedarf einer Reduktion der Arbeitsbelastung von Ehrenamtlichen durch unterschiedliche Maßnahmen: Neben der Bereitstellung von qualitätsgesicherten Materialien können Schulungsangebote, eine kommunale Betreuungsstruktur, die Pflege einer Anerkennungskultur für Ehrenamtliche sowie Unterstützung in der erfolgreichen Suche und Motivation von Ehrenamtlichen für Entlastung sorgen. Zusätzlich sollten Beratungsangebote und Schulungen auch die psychische Komponente eines solchen Ehrenamtes adressieren, die sich durch Stress und Überlastung negativ auf die Ehrenamtlichen auswirken können"
Ob Schulungsangebote die Belastung reduzieren, wurde oben hinterfragt. Sie würden bei der Vielfalt der Themen nicht nur viel Zeit kosten, die die Ehrenamtlichen selbst anders nutzen möchten. Sie würden vor allem eine fachliche Überforderung bedeuten. Denn was soll geschult werden? Die Unterstützung bei digitalen Angeboten zu Gesundheit, Pflege, Wohnen und Mobilität? Der DigitalPakt Alter bietet Materialien und Online-Schulungen und andere Formate zu diesen Themen an. Vor einiger Zeit zum Beispiel zur EUID Wallet, die die BundID ersetzen soll, wo ich nicht verstanden habe, wie das genau funktionieren soll. Das dürfte auch für die meisten Ehrenamtlichen gelten.
Nach meiner festen Überzeugung fährt der DigitalPakt Alter einen Kurs der strukturellen Überforderung der Ehrenamtlichen, indem von diesen erwartet wird, sie könnten fachlich kompetent in allen für ältere Menschen relevanten Handlungsfeldern bei digitalen Angeboten wirksam unterstützen. Warum gibt es wohl unterschiedliche Fachkräfte in der Pflegeberatung und in der Wohnberatung? Die jeweiligen digitalen Angebote müssen auch aus fachlicher Sicht bewertet werden, gerade in Zeiten von Fake News und KI-generierten Inhalten. Die Kommission für den Achten Altersbericht fordert daher neben der Diversifizierung eine Professionalisierung der Unterstützung bei der digitalen Teilhabe und empfiehlt konkret, dass die Kommunen und andere Träger die Fachkräfte in den in den genannten Bereichen fortbilden, damit sie auch bei den jeweiligen digitalen Angeboten helfen können. Um die Mehrbelastung und den Stress der Ehrenamtlichen in Erfahrungsorten zu reduzieren, ist die angemessene Lösung also nicht, ihnen Materialien und Schulungen zu immer weiteren komplizierten Themen anzubieten, sondern im Gegenteil ihr Tätigkeitsfeld auf die Förderung von digitalen Basisqualifikationen zu reduzieren und sobald es um Anwendungen in den genannten Bereichen geht, Ihnen die Möglichkeit geben, die Ratsuchenden an die jeweiligen Fachstellen zu verweisen, wo es professionelle Unterstützung gibt.
Vor diesem Hintergrund kann ich die vierte Handlungsempfehlung sehr kurz kommentieren:"Der gesellschaftliche Wert von Ehrenamt muss stärker Anerkennung finden: Ehrenamt ist nicht kostenlos. Es leistet einen wertvollen Beitrag zu gesellschaftlichen Aufgaben und benötigt daher angemessene Unterstützung und Ressourcen." Ja, das ist richtig, und man kann das gezeigte Engagement nicht hoch genug schätzen und anerkennen. Ist nicht die zentrale Herausforderung der Gewährleistung digitaler Teilhabe im Alter.
Das Bild vom Hammer: Die strukturelle Überschätzung der Erfahrungsorte und Ehrenamtlichen
Von dem verstorbenen Informatiker Joseph Weizenbau stammt das Sprichwort: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel." Das heißt im vorliegenden Fall: Wer ältere Menschen in vielen Lebenssituationen vor allem mit Ehrenamtlichen in Begegnungsstätten und anderen Einrichtungen unterstützt, übernimmt dieses Format auch für die Digitale Teilhabe. Das waren bei der BAGSO zunächst die Digital-Kompass-Standorte, die nach Auslaufen der Förderung in einem neuen Förderprogramm Erfahrungsorte genannt werden, und nach der Ausschreibung für die Evaluation der nächsten Förderrunde 2026 bis 2029 weiter so heißen sollen und weiter vor allem mit Ehrenamtlichen arbeiten sollen. Das ist das genaue Gegenteil zu den Empfehlungen der Kommission für den Achten Altersbericht: Diversifizierung und Professionalisierung.
Die BAGSO, die Geschäftsstelle des DigitalPakt Alter und das Evaluationsteam machen sich selbst und anderen etwas vor, wenn sie behaupten:
“Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Erfahrungsorte auf ein starkes und vielfältiges Engagement ihrer Haupt- und Ehrenamtlichen bauen können, das maßgeblich zur digitalen Teilhabe älterer Menschen beiträgt.“
Dafür gibt es nicht nur in dieser Evaluation keinen Nachweis, sondern auch sonst nicht. Vielmehr gibt es viele Befunde, die Erfahrungssorten keine maßgebliche sondern eher eine marginale Rolle beim Erwerb digitaler Kompetenzen und digitaler Teilhabe zuweisen. Zuletzt in der BITKOM-Studie haben 54% der Befragten angegeben, dass sie sich ihre digitalen Kompetenzen aneignen, indem sie Freunde, Familie oder Bekannte fragen, aber nur 5%, indem sie Sprechstunden oder Beratungsangebote nutzen. Ein ähnliches Bild zeigen viele vergleichbare Umfragen.
Wie kann eine sich als wissenschaftlich gebende Studie diese Befunde ignorieren, und auf jeglichen Versuch verzichten, etwas über die Wirkungen der Angebote der Erfahrungsorte zu ermitteln? Ich vermute, der Auftraggeber wollte nach der eher kritischen ersten Evaluation, jetzt wo es um die nächste Förderrunde ging, keine Zweifel an dem aus seiner Sicht bewährten Erfolgsmodell „Erfahrungsort“ aufkommen lassen, sondern in aus interner Sicht bewährter Art und Weise weitermachen. Das kann das Team in der Geschäftsstelle. Aber das was auf kommunaler Ebene nach Einschätzung der Kommission für den Achten Altersbericht als kommunale Daseinsvorsorge für digitale Teilhabe aller älteren Menschen erforderlich ist, ist eine Weiterentwicklung der gesamten kommunalen Altenhilfe mit ihren vielfältigen fachlichen Angeboten zur integrierten analogen und digitalen Hilfe. Wie schwierig das ist, sieht man an den jahrelangen Bemühungen um ein Altenhilfestrukturgesetz in Berlin. Im obigen Zitat der Kommission für den Achten Altersbericht ist von ""landes- und bundespolitischer Unterstützung in Form von finanzieller Absicherung, verbindlichen Leitlinien und rechtlichen Anpassungen" die Rede. In der nächsten Förderrunde sollen zwar Kommunen beim Aufbau nachhaltiger Strukturen beraten und gefördert werden. Aber die geplante Fördersumme von 5.000 Euro pro Kommune zeigt schon, dass dieses Feld nicht zu den Kompetenzen der Geschäftsstelle zählt. Sie bleibt lieber beim Mythos Erfolg der Erfahrungsorte wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und der vorliegende Bericht traut sich nicht, zu fragen, was er anhat, obwohl jeder weiß, dass sehr viel mehr passieren müsste. Ja, ich will sogar sagen, mit dem Festhalten an dem Modell Erfahrungsort als Lösung für alle Herausforderungen verhindert man den Druck auf die verschiedenen Anbieter digitaler Dienste, selbst etwas zur Unterstützung ihrer älteren Kundinnen und Kunden zu tun und schreibt das fort, was ich in einem früheren Beitrag als ungerechte und problematische Arbeitsteilung kritisiert habe.
