Digitale Teilhabe 65 plus

Beobachtungen, Gedanken, Fragen und Tipps
zur Überwindung der Alterslücke bei der Nutzung von digitalen Medien

Portrait: Herbert Kubicek
Prof. Dr. Herbert Kubicek
Jahrgang 1946
Über mich
19.10.2022

Noch einmal: Filialschließungen der Sparkasse - Für eine Erweiterung des Lösungsraums

Einladungstext zur Veranstaltung der SPD AG Ü60 zur Podiumsdiksussion zur Schließung von Filialen der Sparkasse Bremen

Der Status Quo ist nicht zu halten - Es müssen neue Lösung gefunden werden

Gestern hat die SPD AG 60+ zu einer Diskussion mit dem Vorstandsmitglied der Sparkasse Bremen, Thomas Fürst, zur zunehmenden Schließung der Filialen eingeladen. Ich durfte an dem Podium teilnehmen, auf dem Ortsbeiräte die Schließungen kritisiert, auf die Verpflichtung zur Daseinsvorsorge hingewiesen und noch einmal den Sparkassenbus gefordert haben. Ich habe mich vermutlich unbeliebt gemacht, weil ich der Forderung nach dem Erhalt der Filialen widersprochen und auch für die Ablehnung der Forderung nach einer mobilen Filiale durch den Vorstand und die derzeitigen Gebühren für den Bargeldbringdienst und Hausbesuche Verständnis gezeigt habe. In der Marktwirtschaft (im Kapitalismus) kann man von einem Vorstand eines Unternehmens nicht verlangen, unrentable Geschäfte fortzuführen und bewußt Verluste zu generieren und letztlich eventuell das Unternehmen und die Arbeitsplätze zu gefährden. Aber Verluste mit dem gegenwärtigen Geschäftsmodell unter den Bedingungen der Digitalisierung sollten keine Ausrede sein, Teile aufzugeben, sondern Ansporn sein, nach innovativen und in die Zeit passenden neuen Modellen zu suchen und diese auszuprobieren.

Wenn die Kosten zu hoch sind und die Nutzung niedrig ist, ist eine Kooperation mit anderen Geldinstituten zu empfehlen oder nach möglichen Subventionen oder Kostenübernahmen zu suchen. Das meine ich mit Erweiterung des Lösungsraums. Und nach meinem Verständnis von Daseinsvorsorge, wie ich es in meinem letzten Blog unter Verweis auf mein Buch zur Digitalen Teilhabe skizziert habe, gibt es dazu durchaus Möglichkeiten.

Kostensenkung durch Multi-Purpose-Zentren

Auf die Idee der Kostensenkung durch Kooperation ist die Sparkasse inzwischen auch gekommen. Nicht bei einem Bus, sondern bei neuen Anlaufstellen in den Stadtteilen. Herr Fürst berichtete, dass er gerade dem Bürgermeister die Schaffung von Mehr-Zweck-Zentren (Multi-Purpose-Center) angeboten habe, die die Sparkasse zusammen mit anderen zu jeweils festen Zeiten nutzen und sich die Kosten für Miete und Einrichtung teilen will. Dabei könnte auch ein mobiler Geldautomat eingesetzt werden. Einzelheiten sollen bis zum Frühjahr erarbeitet und der Öffentlichkeit vorgelegt werden. Dabei sollen auch die Kundinnen und Kunden und die Ortsbeiräte einbezogen werden.

Dieser Vorschlag wurde von den Beiratssprecherinnen und -sprechern sehr positiv aufgenommen. Der Initiator der Veranstaltung, Arno Gottschalk, wies darauf hin, dass auch wirklich geliefert werden muss. Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie eine flächendeckende Versorgung mit zehn oder zwanzig Zentren in einem überschaubaren Zeitraum geplant und finanziert werden kann, wie genügend Partner gewonnen, die Belegung organisiert und die Kosten geteilt werden sollen und wer auf der Seite der Stadt den Prozess organisatorisch und finanziell begleiten soll.

Hohe Gebühren für den Bargeldbringdienst und Hausbesuche

Kritisiert wurden auch die hohen Gebühren für den Bargeldbringdienst und den Hausbesuch zur Installation oder Hilfe beim Online-Banking mit dem Argument, es handele sich um Leistungen der Daseinsvorsorge. Ich habe Widerspruch bekommen auf den Hinweis, dass Daseinsvorsorge nicht Aufgabe einzelner Unternehmen ist und man von ihnen keine Subventionierung von Leistungen fordern sollte, die sich betriebswirtschaftlich nicht rentieren. Wie in meinem letzten Blog ausgeführt ist Daseinsvorsorge vor allem eine Aufgabe der Kommunen. Der Gesetzgeber oder die einzelne Kommune kann in ihrer Satzung festlegen, welche Leistungen sie als Daseinsvorsorge anerkennen will und muss sich dann um die Gewährleistung kümmern. Der Senat könnte beschließen, dass die Bargeldversorgung und Online-Banking in Bremen zur Daseinsvorsorge gehören. Die Gewährleistung erfolgt dann wie im Personennahverkehr oder der Weiterbildung durch Subventionierung der Leistungserbringung durch Dritte oder wie im Gesundheitsbereich durch Integration in bestehende Hilfesysteme wie die Sozialversicherung, Pflegeversicherung o.ä.

Subventionierung durch die Stiftung der Sparkasse

Bei der Sparkasse Bremen liegt insofern eine Besonderheit vor, als sie einen Teil ihrer Gewinne einer Stiftung zuführt. Arno Gottschalk konnte Thomas Fürst zur Zusage bewegen, dass die Stiftung für Kundinnen und Kunden mit geringem Einkommen den Preis für den Bargeldbringdienst auf ein bis zwei Euro subventioniert. Das würde den betroffenen Kundinnen und Kunden der Sparkasse helfen, ist aber noch keine Lösung für das generelle Problem der Bargeldversorgung älterer Menschen als Teil der Daseinsvorsorge. Die Sparkasse Bremen ist zwar Marktführer im Privatkundengeschäft, aber die Kundinnen und Kunden anderer Geldinstitute mit geringem Einkommen müssen auch bedacht werden.

Integration in die hauswirtschaftlichen Pflegeleistungen

Ich habe daher auf die Vorschläge in meinem Buch hingewiesen, Unterstützungsleistungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung in die bestehenden Hilfesysteme zu integrieren. Der Bargeldbringdienst sollte für Menschen, die einen Geldautomaten nicht aufsuchen oder nicht bedienen können, in die Liste der anerkannten Leistungen aufgenommen werden, die aus dem Entlastungsbetrag von 125 Euro pro Monat bezahlt werden, den alle Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 1 erhalten. Die Sparkasse Bremen könnte dies bei der Senatorin für Soziales beantragen, die die Liste der anerkannten Leistungen führt. Die Kosen für die Hausbesuche zur Installation und Hilfe beim Online-Banking sollten bei festgestelltem Bedarf in den Leistungskatalog hauswirtschaftlicher Leistungen der Pflegekassen aufgenommen werden.

Beides gilt nicht nur für Bremen, sondern bundesweit. Einzelheiten in meinen Buch, S . 171 ff. und dem Manuskript für meinen Podiumsbeitrag, in dem auch noch einmal für ein kundenfreundliches Telefonbanking geworben wird:

Weitere Infos: SPD Ue 60.pdf

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