Neue BITKOM-Studie: Erhöhter Unterstützungsbedarf, aber weiter nur Tröpfchen-Politik
Quelle: BMFSFJ (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/neue-studie-zur-digitalen-teilhabe-aelterer-menschen-vorgestellt-279138)
Pressemeldung vom 15. Januar
Am 15. Januar haben Bundesministerin Karin Priem und BITKOM-Präsident Rolf Wintergerst eine neue Studie zur Digitalen Teilhabe älterer Menschen vorgestellt. Aus der Zusammenfassung im Pressetext:
"Die Ergebnisse belegen, dass die große Mehrheit der 1004 befragten Seniorinnen und Senioren digitalen Technologien offen gegenübersteht und sich sogar mehr Tempo bei der Digitalisierung wünscht. Gleichzeitig besteht ein hoher Bedarf an Unterstützungsangeboten zur Stärkung der digitalen Kompetenzen."
Das haben auch schon frühere BITKOM-Studien, SIM-Studien und Digital-Index-Umfragen festgestellt. Neu ist, dass hier differenziert nach der Art der Unterstützung gefragt wurde, wie das bisher nur in der Bremer Umfrage 2020 geschehen ist. Nicht neu hingegen ist, dass im Statement der Ministerin zu dieser Studie nicht auf diese differenzierten Befunde eingegangen wird, sondern nur der DigitalPakt Alter und der Digitale Engel als Initiativen genannt werden. Bemerkenswert ist auch, was in diesem Zusammenhang nicht erwähnt wird: Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Nationale Digitale Kompetenzoffensive.
Die Befunde im Überblick
Die Befunde zur Internetnutzung generell liegen eher unter den Werten der anderen Studien: 74% der Befragten ab 65 Jahre haben in den letzten drei Monaten das Internet genutzt (78% Senioren, 70% Seniorinnen). Nach Altersgruppen:
- 65 - 69 Jahre 98%,
- 70 – 74 Jahre 85%,
- 75 – 79 Jahre 64%,
- > 80 Jahre 49%.
Es folgen Angaben auf je einer Folie zu
- den genutzten Anwendungen,
- den Gründen für die Nicht-Nutzung,
- den Schwierigkeiten bei der Nutzung ( „Benutzungsfreundlichkeit"),
- den eigenen Digitalkompetenzen in Schulnoten,
- Einstellungen zu technologischen Neuerungen,
- Nutzung von Chat GPT & Co.,
- Einstellungen zu KI.
Handlungsrelevante Befunde zum Kompetenzerwerb und zum Unterstützungsbedarf
Praktisch höchst relevant sind zwei Befunde, vor deren Hintergrund die üblichen Beratungs- und Unterstützungsangebote auf kommunaler Ebene sowie die Fördermaßnahme auf Landes- und Bundesebene überprüft und korrigiert werden sollten.
Wie in den meisten anderen Umfragen zeigt sich auch hier, dass die befragten Seniorinnen und Senioren ihre nur als mittelmäßig eingeschätzten digitalen Kenntnisse und Fähigkeiten (in Schulnoten je nach Alter zwischen 2,6 und 3,7) überwiegend durch Hilfe von Freunden, Familie oder Bekannten erworben haben (54%) und an zweiter, dritter und vierter Stelle durch eigenes Probieren. Seminare und Schulungen kommen mit 16% erst an fünfter Stelle und Sprechstunden oder Beratungsangebote mit 5% an letzter Stelle.
Quelle: BITKOM Studie Seniorinnen und Senioren in der digitalen Welt, Januar 2026
In der Bremer Umfrage aus 2020 hat nur 1% angegeben, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten in einem WLAN Cafe, einer Tabletgruppe o.ä. erworben zu haben, gegenüber 45 % Verwandte und 22% Bekannte oder Nachbarn. Und 36 % haben gesagt „alleine".
In der SIM-Studie 2024 haben 66% angegeben, Unterstützung von eigenen Kindern und Enkelkindern zu erhalten, 40% von Personen aus dem unmittelbaren Umfeld, aber nur 9% von professionellen Dienstleistern und 2 % von ehrenamtlichen Personen.
Die nächste Folie zeigt, dass diese geringen Werte für Sprechstunden u.ä., wie sie die meisten Erfahrungsorte im DigitalPakt Alter anbieten, nicht in erster Linie an fehlendem Interesse liegen, sondern an fehlenden Angeboten. Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.
Vorher möchte ich noch eine andere praktische Schlussfolgerung aus den Befunden ziehen, nämlich aus den hohen Anteilen von "Selbstprobieren"! (42%) und "Videos anschauen" (39%). Diese „Problemlösungskompetenz“ (Digital-Index) oder „Internetwirksamkeit“, wie es in der SIM-Studie heißt, sollte gefördert und gestärkt werden. Die ehrenamtlichen Unterstützungskräfte sollten nicht ihre eigenen Kompetenzen beweisen, indem sie die Probleme für die Ratsuchenden lösen, sondern ihnen dabei helfen, vor Ort selbst eine Lösung im Internet, möglichst mit einem Video zu finden, also Hilfe zur Selbsthilfe leisten.
Die wichtigste Folie ist die zu den gewünschten Formen der Unterstützung:
Quelle: BITKOM Studie Seniorinnen und Senioren in der digitalen Welt, Januar 2026
Mit 78% wird an erster Stelle ein „Hilfetelefon für digitale Fragen“ gewünscht. Sprechstunden wünschen 60% und eine individuelle Beratung zu Hause 33%. In der Bremer Umfrage 2020 hatten sich 50% eine gelegentliche Unterstützung gewünscht.
- 47% Hausbesuche,
- 30% eine telefonische Hotline,
- 23% Sprechstunden.
Ich habe schon öfter mehr telefonische Unterstützungsangebote gefordert, weil sie zumindest als erste Option dem konkreten Bedarf am besten entsprechen. Wie jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Ein Beispiel:
Meine Beihilfestelle hat mir mitgeteilt, dass ich in Zukunft keine Belege mehr einschicken soll, sondern diese mit der Beihilfe-App hochladen soll. Diese habe ich heruntergeladen und wollte mein Konto einrichten, da wurde ich aufgefordert, meine Identität mit einem Authentication Manager zu bestätigen. Zuerst wusste ich gar nicht, was das ist und ob man dem vertrauen kann und habe meinen Sohn angerufen, der im IT-Support einer Verwaltung arbeitet. Der hat es mir erklärt und mich ermutigt. Bei der Umsetzung hatte ich wieder ein Problem: Ich sollte in die App eine Kennzahl aus dem Authentication Manager eingeben. Wenn ich den geöffnet hatte, war die BeihilfeApp weg. Ich wusste nicht, wie ich auf dem iPhone zwischen der BeihilfeApp und dem Authentication Manager wechseln kann und habe wieder meinen Sohn angerufen, der mich Schritt für Schritt geführt hat.
Glück gehabt. Aber was macht jemand, der keinen Telefon Joker hat? Suchen, wo der nächste Erfahrungsort ist und wann dort die nächste Sprechstunde stattfindet? Große Online-Anbieter haben für Probleme mit ihren eigenen Angeboten eine telefonische Hotline neben einem Chat. Viele kleinere Anbieter und die öffentliche Verwaltung aber nicht.
Ich habe in früheren Beiträgen auf die kommerziellen Angebote der Telekom hingewiesen und das Hilfe-Telefon in München als Vorbild für kommunale Unterstützung bei der digitalen Teilhabe gelobt. Allerdings ist das Potenzial begrenzt. Im Bremer Netzwerk Digitalambulanzen hat sich gezeigt, dass nur bei einem Teil der Anrufe ein Problem am Telefon vollständig gelöst werden konnte und öfter ein anschließender Hausbesuch oder ein Termin für die nächste Sprechstunde erforderlich war. Verständigungsprobleme, wie sie bei der Beschreibung des Problems oder der Umsetzung telefonischer Anweisungen entstehen, kann man wenn es sich um Verwandte, Bekannte oder Dauerkundinnen und -kunden handelt, mit Teamviewer oder ähnlichen Tools reduzieren, wie es die Stiftung Warentest empfiehlt (Beitrag vom 29.12.2022).
Auf jeden Fall finde ich, dass alle, die bedarfsgerechte Angebote zur Unterstützung digitaler Teilhabe im Alter versprechen, diese Bedarfsmeldung aus dieser Umfrage ernst nehmen sollten. Das gilt ganz besonders für ländliche Räume, die Ministerin Priem in ihrem Statement zu dieser Studie betont.
Tröpfchen-Politik
Die Ministerin schreibt:
"Mit Initiativen wie dem DigitalPakt Alter und dem Projekt 'Digitaler Engel' bringen wir Beratung und Schulungsangebote direkt zu den Menschen - auch in kleinere Städte und ländliche Räume. Der Austausch zwischen Jung und Alt spielt dabei eine wichtige Rolle. Unser Ziel ist klar: den digitalen Wandel so zu gestalten, dass alle ihn selbstbestimmt nutzen können."Hört sich gut an. Aber leider stimmt das alles nicht oder nur sehr begrenzt.
- Die Ministerin und auch die gesamte Bundesregierung können den digitalen Wandel nicht gestalten. Das machen andere.
- Nur wenige können ihn selbstbestimmt nutzen, die meisten älteren Menschen nicht.
- Die Bundesregierung ist wie ihre Vorgänger meilenweit davon entfernt, digitale Teilhabe für alle zu ermöglichen. Auf die Ergebnisse des Monitoringhabe ich in dem Beitrag vom 11.5. 2025 hingewiesen. DigitalPakt Alter und Digitaler Engel stammen noch von der Vorgängerregierung vor der Ampel.
Die Bundesförderung von Unterstützungsangeboten für Seniorinnen und Senioren ist quantitativ und qualitativ weniger als ein Tropfen auf den mit zunehmender Digitalisierung immer heisser werdenden Stein.
- 96 % der Bevölkerung über 65 Jahre wünschen sich mehr Unterstützung. In Deutschland sind das 96% von rund 19 Millionen, also 18, 2 Millionen.
- Der Digitalpakt Alter hat in den fünf Jahren der Förderung 314 Erfahrungsorte vorübergehend mit 2.000 oder 3.000 Euro gefördert. Die meisten gab es schon vorher.
- Aktuell sind dort 1.659 Angebote erfasst. Genau genommen sind nur Anbieter erfasst, denn es wird nicht angegeben, ob etwas in diesem oder dem nächsten Monat angeboten wird. Angenommen, diese Angebote wären gleichmäßig auf die 10.750 Gemeinden in Deutschland verteilt (2.057 Städte und 8.694 Gemeinden ohne Stadtrecht), dannhätten nur 15% ein wie auch immer geartetes Angebot. Da dies nicht der Fall ist und in vielen Städten mehrere Anbieter aktiv sind, dürften weniger als zehn Prozent der ländlichen Gemeinden irgendein Unterstützungsangebot für digitale Teilhabe bzw. „selbstbestimmte Nutzung“ des digitalen Wandels aufweisen.
- Das Projekt Digitaler Engel des Vereins Deutschland sicher im Netz e.V. hat 2025 den European Digital Skills Award in der Kategorie „Cybersecurity Skills“ gewonnen. Das ist gut und wichtig. Herzlichen Glückwunsch. Aber mit der Versorgung mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten für ältere Menschen im ländlichen Raum hat das ausgesprochen wenig zu tun. Nach Angaben des BMBFSFJ gab es 2025 800 Einsätze jeweils für einige Stunden.
- Von einer bundesweiten Hotline, wie sie nach den Ergebnissen dieser Umfrage naheliegt, ist keine Rede.
Vor allem aber habe ich angesichts der Ergebnisse dieser aktuellen Umfrage erwartet, dass die Bundesbildungsministerin etwas zu der im Koalitionsvertrag verabredeten Nationalen Digitalen Kompetenzoffensive sagt, durch die 2030 80% der Bevölkerung über digitale Basiskompetenzen verfügen sollen (Beitrag vom 10.5.2025. Dass sie das nicht getan hat, lässt darauf schließen, dass dieses Vorhaben nach einem Jahr noch nicht konkretisiert ist und nicht die Priorisierung erfährt, die geboten ist, zumal Basiskompetenzen, wie in dem genannten Beitrag dargelegt, noch lange keine digitale Teilhabe oder gar selbstbestimmte Nutzung des digitalen Wandeln ermöglichen, sondern nur der erste Schritt in einem langen Wettlauf mit den ständigen Veränderungen sind.
